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Weiterbildung für Selbständige: Diese Förderungen gibt es in der Schweiz

Deutschland schenkt Solo-Selbständigen bis 4'500 € für Weiterbildung – die Schweiz hat 6 stillere Hebel. Mit Beispielrechnung: So zahlt eine Grafikerin nur 35%.

Roman Stalder··8 Min. Lesezeit

In Deutschland läuft seit 2023 ein Programm, das viele Schweizer Solo-Selbständige neidisch macht: KOMPASS zahlt Solo-Selbständigen 90% ihrer Weiterbildungskosten, bis zu 4'500 Euro — für Marketing-Kurse, KI-Schulungen, Fachqualifikationen, fast alles ab 20 Stunden Dauer. Der Andrang ist so gross, dass die Ausgabe der Qualifizierungsschecks 2026 monatelang gestoppt werden musste.

Die naheliegende Frage: Gibt es so etwas in der Schweiz?

Die ehrliche Kurzantwort: Nein — ein einheitliches Förderprogramm für die Weiterbildung von Solo-Selbständigen existiert hier nicht. Aber es gibt sechs Hebel, die kaum jemand kennt und die kombiniert erstaunlich nah an die deutsche Förderquote herankommen. Wie das konkret geht, zeigen wir Schritt für Schritt am Beispiel einer Grafikdesignerin — inklusive der Frage, welche Design-Weiterbildungen überhaupt gefördert werden und welche nicht.

Was KOMPASS bietet — und warum du es nicht nutzen kannst

Kurz zur Einordnung, was das deutsche Programm (ESF Plus / BMAS) leistet: Solo-Selbständige im Haupterwerb, die seit mindestens zwei Jahren am Markt sind und höchstens eine Vollzeitstelle beschäftigen, erhalten nach einer Pflicht-Erstberatung einen Qualifizierungsscheck über 90% der Kurskosten, maximal 4'500 Euro — einmal pro zwölf Monate, für frei wählbare Qualifizierungen ab 20 Stunden.

Für dich als Schweizer Selbständiger ist das Programm allerdings tabu: Es verlangt Wohnsitz und Geschäftstätigkeit in Deutschland — beides. Auch als Grenzgänger mit Schweizer Wohnsitz gehst du leer aus.

Was du stattdessen tun kannst, ist mehr, als die meisten denken.

Das Beispiel: Lara, 42, selbständige Grafikdesignerin

Damit die Hebel nicht abstrakt bleiben, begleiten wir einen konkreten Fall durch den ganzen Prozess:

Lara führt seit sechs Jahren eine Einzelfirma als Grafikdesignerin in Winterthur. Reine Gestaltungsaufträge geraten durch KI-Tools unter Preisdruck. Sie weiss, dass sie sich weiterbilden muss — aber nicht, was gefördert wird und wie sie an die Beiträge kommt. Genau diese zwei Fragen klären wir jetzt der Reihe nach.

Schritt 1: Kostenlose Standortbestimmung mit viamia

Bevor Lara mehrere tausend Franken investiert, will sie wissen, welche Richtung ihre Marktposition wirklich stärkt. Dafür gibt es viamia — die kostenlose berufliche Standortbestimmung für Personen ab 40, durchgeführt von den kantonalen Berufsberatungsstellen in der ganzen Schweiz.

Das ist das Schweizer Gegenstück zur KOMPASS-Erstberatung, und es hat eine Pointe: Voraussetzung ist, dass du keinen Anspruch auf vergleichbare Angebote der Arbeitslosenversicherung hast. Selbständige, die bekanntlich keine ALV-Leistungen beziehen können, sind damit die geborene Zielgruppe — nutzen das Angebot aber kaum.

Lara meldet sich beim BIZ ihres Kantons an, absolviert die Potenzialanalyse und bespricht in zwei Sitzungen ihre Optionen. Kosten: null.

Schritt 2: Verstehen, welche Weiterbildung wie gefördert wird

Hier scheitern die meisten — denn die Förderung hängt nicht vom Inhalt ab, sondern vom Typ der Weiterbildung. Für Lara als Designerin sieht die Landschaft so aus:

Weiterbildungstyp (Beispiele für Designer)Förderung
Freie Kurse & Workshops (KI-Tools, Figma, Motion Design)Keine Beiträge — nur Steuerabzug als Geschäftsaufwand
CAS/MAS an Fachhochschulen (z. B. CAS UX Design)Keine Bundesbeiträge — Steuerabzug, evtl. kantonaler Bildungsscheck
HF-Bildungsgang (z. B. dipl. Gestalter/in HF Kommunikationsdesign)Schulgeld bereits kantonal mitfinanziert — du zahlst den reduzierten Tarif
Berufsprüfung mit eidg. Fachausweis (z. B. Typograf/in für visuelle Kommunikation, Marketingfachleute)50% Bundesbeitrag, max. CHF 9'500
Höhere Fachprüfung mit eidg. Diplom50% Bundesbeitrag, max. CHF 10'500

Das ist die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels: Der zweitägige KI-Workshop und das CAS bekommen keinen Rappen Bundesbeitrag — der prüfungsvorbereitende Lehrgang die Hälfte geschenkt. Wer die Wahl zwischen inhaltlich ähnlichen Angeboten hat, sollte den Fördertyp mitentscheiden lassen.

Für Lara heisst das konkret: Will sie im Kern-Design bleiben und ihre typografische Expertise zertifizieren, ist die Berufsprüfung «Typograf/in für visuelle Kommunikation mit eidg. Fachausweis» ihr Weg (Zulassung: EFZ der grafischen Branche plus zwei Jahre Praxis — als gelernte Grafikerin erfüllt sie das). Will sie ihr Angebot Richtung Markenstrategie erweitern, passt die Berufsprüfung «Marketingfachfrau mit eidg. Fachausweis». Beides sind Berufsprüfungen — beides gibt 50% vom Bund.

Lara entscheidet sich für die Marketing-Richtung: grössere Mandate, höhere Stundensätze. Der Vorbereitungslehrgang kostet CHF 9'800.

Schritt 3: Die drei Bedingungen für den Bundesbeitrag

Der Bund erstattet 50% der Kursgebühren über die subjektorientierte Finanzierung des SBFI — direkt an die Person, unabhängig vom Erwerbsstatus. Selbständige sind voll anspruchsberechtigt. In der Praxis scheitert es an drei Punkten:

  1. Der Kurs muss auf der SBFI-Meldeliste stehen. Nicht jeder Lehrgang qualifiziert — prüfe das vor der Anmeldung beim Anbieter oder direkt beim SBFI. Gleicher Inhalt ohne Meldelisten-Eintrag = kein Beitrag.
  2. Die Rechnung muss auf dich persönlich lauten und von dir bezahlt sein. Zahlt jemand anderes (etwa deine GmbH als Arbeitgeberin), wird es kompliziert — kläre das vorher.
  3. Du musst zur eidgenössischen Prüfung antreten. Antreten, nicht bestehen: Der Beitrag fliesst auch, wenn du durchfällst.

Lara wählt einen gemeldeten Lehrgang, lässt die Rechnung auf ihren Namen ausstellen und bewahrt jeden Zahlungsbeleg auf.

Schritt 4: Prüfung antreten, Gesuch stellen

Nach dem Lehrgang tritt Lara zur Berufsprüfung an. Danach reicht sie das Gesuch online über das SBFI-Portal ein — mit der Prüfungsverfügung und den Zahlungsnachweisen. Rund CHF 4'900 (50% von 9'800) fliessen zurück auf ihr Konto.

Wichtig für die Liquiditätsplanung: Du finanzierst den Kurs vor — je nach Lehrgang über ein bis drei Jahre. Wer wegen tiefem Einkommen keine direkte Bundessteuer zahlt, kann beim SBFI Teilbeiträge bereits vor der Prüfung beantragen. Für alle anderen gilt: Die Kursraten gehören ins Budget, bevor du unterschreibst — plane sie in deine Liquiditätsplanung ein.

Schritt 5: Den Rest über die Steuern holen

Jetzt kommt der Hebel, den Angestellte in dieser Form nicht haben: Für Selbständige ist geschäftsmässig begründete Weiterbildung unbeschränkt als Geschäftsaufwand abziehbar — sie senkt das steuerbare Einkommen und das AHV-pflichtige Einkommen. Abziehbar sind die Kosten, die effektiv bei dir hängen bleiben, also nach Abzug des Bundesbeitrags.

Bei Lara: CHF 4'900 Restkosten als Aufwand verbucht. Bei einem kombinierten Grenzsteuersatz plus AHV von rund 30% spart sie nochmals etwa CHF 1'470. Und dieser Hebel gilt — anders als der Bundesbeitrag — für jede geschäftlich begründete Weiterbildung, auch für den Figma-Kurs und das CAS. Mehr dazu im Guide zur Steueroptimierung für Selbständige.

Die Rechnung: Was Lara am Ende wirklich zahlt

PostenBetrag
Vorbereitungslehrgang BerufsprüfungCHF 9'800
Bundesbeitrag nach Prüfungsantritt (50%)– CHF 4'900
Steuer- und AHV-Ersparnis auf den Restkosten (~30%)– CHF 1'470
Effektive KostenCHF 3'430

Lara trägt 35% der Kurskosten selbst — der Staat übernimmt faktisch 65%. Das deutsche KOMPASS-Programm käme bei einem vergleichbaren Kurs auf 90% Förderung, dafür gedeckelt bei 4'500 Euro und mit Wartefristen wegen ausgeschöpfter Kontingente. Die Schweizer Lösung ist leiser, bürokratieärmer — und bei teuren Lehrgängen absolut betrachtet sogar grosszügiger: Bis CHF 9'500 Bundesbeitrag schlägt 4'500 Euro Scheck.

Der ehrliche Unterschied bleibt: KOMPASS fördert freie Kurse ab 20 Stunden, die Schweizer Bundesbeiträge nur prüfungsvorbereitende Lehrgänge. Für Weiterbildungen ohne eidgenössische Prüfung gibt es hierzulande keinen Zuschuss — nur den Steuerabzug.

Die weiteren Hebel im Baukasten

Nicht jeder Fall passt ins Schema von Lara. Diese Instrumente ergänzen den Baukasten:

Kantonale Bildungsschecks und Stipendien. Genf zahlt mit dem Chèque annuel de formation CHF 750 pro Jahr (bis dreimal erneuerbar) für Kurse ab 40 Stunden — einkommensabhängig, auch für Selbständige. Andere Kantone kennen Stipendien und Darlehen auch für Weiterbildungen; bei tiefem Einkommen lohnt die Anfrage bei der kantonalen Stipendienstelle.

temptraining — falls du (auch) temporär arbeitest. Viele Selbständige überbrücken Auftragslöcher mit Temporäreinsätzen. Ab 88 Einsatzstunden innert 12 Monaten im Personalverleih hast du Anspruch auf den GAV-Weiterbildungsfonds temptraining: bis CHF 5'000 Kurskosten plus CHF 2'250 Lohnausfall. Ein oft verschenkter Anspruch.

Aus der Arbeitslosigkeit heraus. Wer (noch) Taggelder bezieht und die Selbständigkeit aufbaut, hat zwei eigene Instrumente: vom RAV finanzierte Kurse und die 90 Planungstaggelder nach Art. 71a AVIG. Wie sich das mit ersten Aufträgen kombinieren lässt, steht im Artikel zum Zwischenverdienst und im Guide Kündigen und selbständig werden.

Kostenloses Coaching statt Kurs. Wenn es dir weniger um ein Zertifikat als um unternehmerische Begleitung geht: GENILEM coacht innovative Gründungen drei Jahre lang kostenlos, Adlatus vermittelt erfahrene Ex-Führungskräfte zu Selbstkosten, und die kantonalen Wirtschaftsförderungen beraten Gründer gratis.

Der Fahrplan: So gehst du es an

  1. Ab 40? Starte mit viamia — kostenlos klären, welche Weiterbildung deine Marktposition wirklich stärkt.
  2. Bestimme den Fördertyp deiner Wunsch-Weiterbildung (freier Kurs, CAS, HF oder eidg. Prüfung) — und prüfe, ob es eine prüfungsvorbereitende Alternative mit ähnlichem Inhalt gibt.
  3. Prüfe die SBFI-Meldeliste, bevor du dich anmeldest.
  4. Rechnung auf deinen Namen, selbst bezahlen, Belege aufbewahren.
  5. Kurs vorfinanzieren; Teilbeiträge beantragen, falls du keine direkte Bundessteuer zahlst.
  6. Zur Prüfung antreten, Gesuch im SBFI-Portal stellen — und die Restkosten als Geschäftsaufwand verbuchen.
  7. Kantonale Töpfe und Branchenfonds checken (Wohnkanton, temptraining bei Temporäreinsätzen).

Die Schweiz verteilt keine Qualifizierungsschecks mit 90%-Logo. Aber wer die Instrumente kennt und sauber kombiniert, bekommt seine Weiterbildung zu einem Drittel der Kosten — ganz ohne Kontingents-Lotterie. Lara hat ihren Fachausweis inzwischen übrigens bestanden. Ihr erster Auftrag als Markenstrategin hat die CHF 3'430 mehr als eingespielt.

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